Wald.

 

Ich muss ein Kind des Waldes sein. Denn meine Kindheit hab ich in Wäldern verkuschelt, zerblättert, bestaunt, verträumt.

 

Hineingehen in den Wald durch ein Tor aus Bäumen war für mich wie ein Zauberstreich; die helle bunte Alltagswelt mit einem Schlag ausgetauscht gegen die knisternd brütende Geheimniskrämerei des Waldes.

 

Ich erlebte ihn als freundlich und beschützend, obwohl auch mir manche einsame Weggabelung, dschungeldichtes Gestrüpp, keifende Tierstimmen und Überreste von Feuerstellen Schauer über den Rücken jagten. Der Wald macht die Begegnung mit seinen Lebewesen vertrauenserweckend, die mit anderen Menschen unheimlich.

 

Aber was gibt es da nicht alles zu entdecken: riesige Bäume, die sich, von Blätterlianen umarmt, aneinander zwängen, Pilze in unaussprechlichen Farben im Gras und Gehölz, Akelei und Scharbockskraut leuchten aus den Moosen hervor und in den Baumkronen pochen die Spechte. Ameisenhügel wölben sich kniehoch am Wegrand und von Blitzen zerborstene Stämme strecken ihre Wurzeln von sich.

 

Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren, von Gestrüpp und Wespen befreit, in den Becher hinein geklaubt, schmecken nach blutig zerkratzten Fingern.

 

Als Stadtkind im Wald orientierungslos, hielt ich mich lieber an die gekennzeichneten Wege und wagte mich nur sporadisch ins Unterholz vor. Aber auch das gehört zur Seele des Waldes: darin verloren gehen können. Sich unauffindbar machen, Fuchs und Kauz ein Geheimnis anvertrauen. Oder auch umgekehrt, etwas aufstöbern: verborgen, vergessen, vielleicht verboten. Märchen und Kriminalgeschichten verlieren sich im Labyrinth des Waldes.

 

Nach der Wegbiegung dann eine Lichtung wie ein erleichtertes Aufatmen, sonnig, duftend, von Bienen umsummt. Walderdbeeren wachsen an der Böschung und es riecht nach feinen Wiesengewürzen. Hinter mir verschließt sich die Zauberwelt, um sich einen Fußmarsch weiter wieder zu öffnen. 

 

Für mich als Kind war der Wald Abenteuer, Spielplatz, Geheimnis und Unterschlupf. Ich verließ ihn nie ohne eine Trophäe: ein besondere Stein, ein Tannenzapfen, ein Zweig oder ein kleiner Strauß Blumen.